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Belletristik: Der Defekt

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (Rezensionsexemplar erhalten) und Links Mehr dazu hier.

Kennst Du das Gefühl, wenn Du ein Buch zuklappst und erst einmal sprachlos bist? Obwohl unsere Sprache so viele Wörter beinhaltet (um die 500’000) reicht sie manchmal doch nicht, um den ersten Eindruck zu beschreiben.

Der Defekt von Leona Stahlmann erscheint heute im Kein und Aber Verlag und gehört definitiv zu dieser Sorte Bücher. Trotzdem möchte ich natürlich versuchen, Dir den Inhalt etwas näher zu bringen – es lohnt sich nämlich ungemein.

Der Inhalt (gemäss Klappentext)

In dem Sommer, in dem Mina dem achtzehnjährigen Vetko näherkommt, verändert sich für sie alles: Sie merkt, dass sie anders ist als der Rest des Dorfs. Was sich anfühlt wie ein Defekt, ein Fehler im System, wird für Mina bald der Punkt, um den sich ihr Leben dreht. Während Vetko und sie eine Verbindung zwischen Lust und Schmerz herstellen und Vetkos Forderungen immer existenzieller werden, sieht sie sich zusehends vor die Entscheidung gestellt, wie weit sie noch gehen soll. Duldet der Weg, den sie eingeschlagen hat, überhaupt einen Kompromiss? Leona Stahlmann erzählt in außergewöhnlicher, sinnlicher Sprache vom Aufwachsen mit einer von der Norm abweichenden Sexualität und von den Rissen in unseren Begriffen von Heimat und Identität. Sie erzählt von Mensch und Natur und von der Wucht, wenn sie in ihrer Rohheit aufeinandertreffen.

Meine Meinung

Während es mir nach der Lektüre die Sprache verschlagen hat und ich etwas hilflos vor dem leeren Blatt Papier sitze (ok – es ist der Computer), hatte Leona Stahlmann diese Probleme definitiv nicht. Ihr Schreibstil ist phänomenal und sie weiss unglaublich gut mit Worten umzugehen. Dies ist umso beeindruckender, da sie sich gleich mehreren schwierigen Themen in diesem Buch angenommen hat.

„Wer weiss, wohin er gehört“, sagte Vetko undurchdringlich, „der muss nicht reisen. Heimat ist: nicht reisen müssen.“ Er sagte das, wie nur ein Achtzehnjähriger es konnte: umso überzeugter von sich, je weniger er von der Sache verstand.

Aus „Der Defekt“

Es ist grundsätzlich schon eine heikle Gratwanderung, über Sexualität zu schreiben, ohne dass ein Buch platt wird – wenn es sich dann noch um andersartige Vorlieben handelt, gleicht das ganze eher einem Akrobatikakt auf einem Hochseil. Doch damit nicht genug – Leona Stahlmann lässt geschickt auch interessante Fragestellungen zum Thema Heimat, Erwachsen werden, persönlicher Identität oder der Verbindung zwischen Mensch und Natur einfliessen.

Dabei schafft sie es gekonnt, den Leser durch ihre unglaublich poetische Sprache zu fesseln. Die Bilder, die sie dabei entstehen lässt, sind sowohl berührend als auch erschütternd und sorgen für eine emotionale Verbindung zu den beiden Protagonisten.

Das Wort versteckt unter ihrer Zunge ging sie nach Hause und kaute darauf herum, wie sie als Kind auf den Holzstücken frisch abgebrochener Holunderzweige herumgekaut hatte, die erst sauren grünen Saft abgaben und nie weich, sondern immer faseriger wurden, je länger man darauf biss.

Aus „Der Defekt“

Mir gefiel dabei besonders gut, dass sowohl Vetko als auch Mina unglaublich vielschichtige Charaktere sind. Keiner von beiden ist auf die klassische Art „schön“ oder „perfekt“ und sie lassen sich nicht so leicht fassen, wie man das gerne hätte. Ausserdem war während des Buches auf jeden Fall eine Entwicklung zu spüren – bei beiden.

Schmerz ist, anders als Liebe, ein sehr ordentliches Gefühl. Es glättete Minas krumme Synapsen, die wild in ihr herumlagen wie verhedderte Kabel, es legte sie nebeneinander und zog sie gerade. Schmerz räumte in Mina auf, Schmerz richtete sie aus und bestimmte ihre Kartografie neu: Wo sie sich befand mit ihrem Kopf und in ihrem Körper, zeichnete der Schmerz hilfsbereit für sie ein, mit farbig leuchtenden Orientierungspunkten.

Aus „Der Defekt“

Dabei machte sich vor allem Mina sehr viele Gedanken zu ihren Vorlieben, resp. ihrem Defekt, wie sie ihn selbst nennt. Vielleicht waren diese manchmal einen Tick zu reflektiert für so eine junge Frau – andererseits schafften diese eine angenehme Balance zu den schmerzhaften Handlungen. Dabei verfällt die Autorin jedoch nie ins voyeuristische oder gar ins obszöne – vieles wird nur angedeutet und sie überlässt es dem Leser, sich die weiteren Details auszudenken. Interessant war dabei durchwegs die Frage, was „normal“ ist und was eben nicht mehr – und wie man damit gerade auch als sehr junge Person umgeht. Was macht unsere Identität aus?

Ich habe während der ganzen Lektüre mit Mina mitgefiebert und so sehr gehofft, dass es für sie einen guten Ausgang nimmt. Ob das klappt, erzähle ich Dir hier natürlich noch nicht.

Der Jogger fluchte und spuckte immer wieder auf den Weg, und Mina dachte, dass die anderen sich in nichts von ihr unterschieden: Jeder von ihnen fügte sich den Schmerz der Welt in kleinen Dosen selbst zu. Und ein jeder suchte sich dafür den Schmerz aus, den er am besten ertragen konnte.

Aus „Der Defekt“

Mir hat zudem der enge Bezug zur Natur gut gefallen – ein grosser Teil der Handlung spielt sich im nahegelegenen Wald ab. Die detaillierten Beschreibungen lassen diesen in allen Farben (und Gerüchen) aufleben und sorgen für eine weitere Ebene in diesem Buch.

In das säuerliche frische Harz der Fichten und Tannen und Kiefern und den stumpfen, felligen Dunst des Morastes, in dem die Bäume des Waldes bis zum Hochsommer stehen würden, mischte sich eine knackende Würze, die ihnen über die Nasenscheidewände schmirgelte. Feure. Wie schwarzes Öl leckten die Rauchwolken über die Abenddämmerung und erstickten alle Farben der Umgebung.

Aus „Der Defekt“

Fazit

Ich würde das Buch wegen der schwierigen Themen nicht uneingeschränkt jedem empfehlen. Aber wenn Dich diese Inhalte grundsätzlich ansprechen, kann ich es Dir nur wärmstens ans Herz legen. Der Schreibstil, der Inhalt, die Fragen, die man sich dabei stellt, die wunderbaren Bilder, die entstehen und der gesamte Aufbau der Geschichte sind grandios.

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. Fotos von mir selbst.

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