BücherRomane

Belletristik: Der Salzpfad

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (selbst gekauft) und Links Mehr dazu hier.

Vielleicht hast Du gerade etwas mehr Zeit zum Lesen. Möglicherweise möchtest Du Dich auch einfach etwas ablenken. Den Kopf frei bekommen. In jedem Fall kann ich Dir das Buch Der Salzpfad von Raynor Winn von ganzem Herzen empfehlen.

Der Inhalt (gemäss Klappentext)

Alles was Raynor und Moth noch besitzen, passt in einen Rucksack. Mit einem kleinen Zelt machen sie sich auf, den gesamten South West Coast Path, Englands bekanntesten Küstenweg, zu wandern. Mit einem Mal ist ihr Zuhause immer nur dort, wo sie gerade sind. Sie begegnen Vorurteilen und Ablehnung, doch zugleich entdecken sie das Glück ihrer Liebe und lernen, Kraft aus der Natur zu schöpfen. Allen Widrigkeiten zum Trotz öffnet ihr mehrmonatiger Trip die Tür zu einer neuen Zukunft.

Meine Meinung

Ganz ehrlich: Der Klappentext hat mich so gar nicht umgehauen und ich war sogar versucht, diesen hier nicht zu veröffentlichen. Ein weiteres Wanderbuch, nochmals endlose Tagesbeschreibungen – obwohl ich gerne wandere, reizte mich das so gar nicht. Gerade wenn Reisebeschreibungen auf wahren Geschichten beruhen, sind sie oftmals nicht allzu spanned.

Allerdings hat mir meine Mutter das Buch empfohlen. Da wir einen sehr ähnlichen Büchergeschmack haben und sie kaum noch aufhören konnte, davon zu schwärmen, gab ich dem Salzpfad eine Chance.

Und was soll ich sagen? Mit „Das inspirierendste Buch des Jahres“ hat die Times eines ziemlich treffende Beschreibung dafür gefunden.

Wir stolperten durch jene Tage, als wären wir gerade von einem Schlachtfeld gekommen, verwundet, traumatisiert und verloren.

Aus „Der Salzpfad“

Es handelt sich hier nämlich nicht einfach um eine weitere Wanderbeschreibung. Die Autorin, Ray, und ihr Mann, Moth, verlieren durch eine Verkettung unglücklicher Umstände plötzlich alles was sie haben – vom Bauernhof bis hin zu sämtlichem Geld. Gleichzeitig wird Moth eine unheilbare tödliche Krankheit diagnostiziert. Somit sind sie plötzlich obdachlos geworden und wissen nicht, wie viel gemeinsame Zeit ihnen überhaupt noch bleibt.

Mehr aus der Not heraus als aus einem innigen Wunsch, beschliessen die beiden daher, den gesamten South West Coath Path zu erwandern.

Als sie ausser Sicht waren, folgten wir ihnen in gemächlichem Tempo. Hand in Hand in der heissen Nachmittagssonne. Obdachlos, todkrank, verschwitzt und dehydriert, aber in diesem Augenblick auf merkwürdige, schüchterne, zögernde Weise glücklich. Glückspilze.

Aus „Der Salzpfad“

Ich fand es unglaublich spannend, wie unterschiedlich die Sichtweise aufs Wandern und Zelten plötzlich wird, wenn man muss. Wenn man kein warmes Zuhause hat, das auf einen wartet, ist der tagelange Regen nicht mehr nur ein lustiges Abenteuer. Mir hat das Buch an unglaublich vielen Stellen die Augen geöffnet. Viele Dinge, die bisher für mich selbstverständlich waren, sind es nun nicht mehr. Einerseits bin ich dankbar für mein Leben und andererseits sehe ich Obdachlose plötzlich mit ganz anderen Augen.

Wahrscheinlich war das aber gar nicht die Intention dieses Buches. Die Autorin klagt nämlich nie (ok, fast nie) über ihr Schicksal und versucht auch nicht, den Leser mit erhobenem Zeigefinger zu bekehren. Statt dessen nimmt sie Dich einfach mit auf diese Reise an der Küste Englands – oder besser gesagt – reisst Dich mit – so einfach war es nämlich gar nicht mehr, das Buch aus der Hand zu legen.

Sie dachten, die Brombeersaison wäre vorbei, oder? Oder Sie haben welche gegessen und gedacht, sie schmecken Ihnen nicht. Nein, man muss bis zum letzten Moment warten, den Moment zwischen perfekt und überreif abpassen. Die Amseln wissen, wann es so weit ist. Und wenn genau dann auch noch der Nebel kommt und sich die salzige Luft um die Früchte legt, dann ergibt das etwas, was man für kein Geld der Welt kaufen kann und was auch der beste Koch nicht hinbekommt. Eine vollendete, leicht salzige Brombeere.

Aus „Der Salzpfad“

Mich hat der fantastische Schreibstil ziemlich überrascht. Meine Abneigung gegen viele Reiseberichte kommt nämlich daher, dass zwar viele Leute spannende Dinge erleben. Gleichzeitig können auch viele Leute richtig spannend schreiben. Da diese beiden Gruppen aber selten deckungsgleich sind, fehlt zahlreichen Reiseromanen die Spannung.

Bei „Der Salzpfad“ war das anders – Du bist sofort mittendrin und fieberst von Tag zu Tag mit den beiden Protagonisten mit. Diese kommen zudem unglaublich sympathisch und ehrlich rüber und ich habe mir von Anfang an so sehr gewünscht, dass es ein gutes Ende für sie nimmt.

Ich hörte Moth seufzen und spürte geradezu, wie er die Augenbrauen hochzog.

„Weil wir keinen Job haben und obdachlos sind.“

Betretens Schweigen; die Hunde wichen zurück, die Frauen traten einen Schritt von uns weg.

„Also, wir müssen weiter, danke für den Tee.“

Aus „Der Salzpfad“

Ob dies so ist oder nicht, möchte ich Dir nicht verraten. Aber ich kann Dir schon einmal versprechen, dass der Weg selbst unglaublich spannend ist. Sowohl die täglichen Erlebnisse als auch die Gedanken, welche durch das lange Wandern angestossen werden (oder eben auch nicht) haben mich unglaublich fasziniert.

Es wurde heller, der Himmel schied sich vom Meer. Hatte ich schon genügend Dinge gesehen? Wenn ich einmal nichts mehr sehen konnte, würde ich mich dann an sie erinnern, und würde die Erinnerung ausreichen, um mich erfüllt und vollständig zu fühlen? Langsam ging der alte Mann davon, denselben Weg, den er gekommen war. Kann man überhaupt jemals genug Erinnerungen haben?

Aus „Der Salzpfad“

Fazit

Das Jahr hat zwar erst gerade angefangen – aber das Buch gehört auf jeden Fall schon zu meinen Jahreshighlights. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen – auch wenn Du nicht gerne wanderst, wird es Dich sicherlich begeistert.

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an Heidi Röthlisberger für die Empfehlung. Fotos von mir selbst.

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