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Belletristik: Der undankbare Flüchtling

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (Rezensionsexemplar erhalten) und Links Mehr dazu hier.

Normalerweise weiss ich relativ rasch, ob ich ein Buch mag oder nicht. Bei Der undankbare Flüchtling von Dina Nayeri lief das jedoch anders als üblicherweise. Ich muss zugeben, dass ich das Buch anfangs beinahe abgebrochen hätte. Zum Glück habe ich diesem Drang widerstanden und bin meiner „Buchethik“ gefolgt (ich breche fast kein Buch ab – erst recht nicht, wenn ich es rezensieren soll) – gegen Ende war ich nämlich so begeistert, dass ich es schon mehreren Personen empfohlen habe. Willst Du wissen, was diese Wendung ausgelöst hat? In diesem Artikel zeige ich Dir, wieso es sich lohnt, bei diesem Buch dran zu bleiben.

Der Inhalt (gemäss Klappentext)

Jeder Mensch, der seine Heimat verlassen muss, macht eine grundlegende Erfahrung: Egal, wo man herkommt, egal, wer man war, egal, was man kann – die Erwartung von aussen ist: Schätze dich glücklich, dass wir dich aufgenommen haben. Opfere deine frühere Identität. Sei dankbar.

Dina Nayeri widmet sich der Frage, was es mit Menschen macht, wenn sie – ungeachtet ihrer Persönlichkeit, Bemühungen und Erfolge – nur noch auf einen Aspekt ihres Daseins reduziert werden. Und sie plädiert dafür, die Grenzen in unseren Köpfen abzuschaffen.

Meine Meinung

Meine Hauptschwierigkeit mit diesem Buch bestand darin, dass ich nicht wusste, wo ich es einordnen sollte. Das fing bei den ersten Seiten an und hörte bei der Rezension auf. Ist das nun ein Roman? Ein Sachbuch? Etwas dazwischen? Soll ich es am Samstag bei den Sachbüchern veröffentlichen oder Dienstags bei der Belletristik? Oder vielleicht ein Kompromiss – Samstag als Belletristik?

Ich glaube nicht, dass der Tag bei der Veröffentlichung wirklich eine grosse Rolle für die Leser spielt – mich irritiert es eher, dass ich nicht ganz sicher bin, wie ich das Buch einordnen soll. Dies hat zu Beginn auch dafür gesorgt, dass ich nie so richtig in den Lesefluss eintauchen konnte.

Kaweh atmete tief aus, als ein Beamter auf ihn zukam. Er sprach so gut wie kein Englisch, aber er wusste, was er in diesem Moment sagen musste: „Ich bin Flüchtling“, sagte er.

Aus „Der undankbare Flüchtling“

So erzählt die Autorin erst einmal aus der Ich-Perspektive von ihrer Kindheit im Iran. Sobald es spannend wird, wechselt sie jedoch zu einer ganz anderen Geschichte von einem weiteren Flüchtling, Kaweh. Und in diesen Kapiteln ist zu meiner Verwirrung auf kursiv noch eine weitere Geschichte von Kambiz eingefügt. Mal abgesehen davon, dass ich durch die ganzen fremdländischen Namen sehr schnell verwirrt war und gar nicht mehr wusste, wer nun was gemacht hat, verstand ich zu meiner Schande zu Beginn gar nicht, dass es sich bei dem kursiven Teil um eine neue Geschichte handelte. Als ich das begriff, musste ich das Kapitel fast nochmals lesen – ärgerlich.

Dabei blieb es jedoch nicht – die Autorin wechselt bei der Ich-Perspektive munter zwischen verschiedenen Zeiträumen ihres Lebens. Mal ist sie noch ein Kind, dann erzählt sie als Erwachsene vom Besuch eines Flüchtlingscamps, dann ist sie ein Teenager und dann wieder Volljährig.

Ich habe die Leute beobachtet, die zur Untätigkeit gezwungen waren, und ich weiss, auf welche Weise das Leben sich wieder behauptet, wie die erste Blase in einem Kessel, bevor das Wasser zu kochen beginnt. Ich bin hier, um zumindest einige Geschichten aus dem köchelnden Wasser zu retten und sie in den Westen zu bringen, der uns Exilanten und Ausgestossen einst mütterlich aufnahm und uns jetzt braucht, damit wir verhindern, dass sein Herz verhärtet.

Aus „Der undankbare Flüchtling“

Ich kann Dir an dieser Stelle bereits verraten, dass Du Kaweh und Kambiz immer wieder im Buch begegnen wirst. Weitere Flüchtlingsgeschichten werden zudem klar als solche eingeleitet (z.B. in dem eine Person zu erzählen beginnt) und machen somit mehr Sinn. Wenn Du dieses Hin- und Hergehüpfe erst einmal verstanden hast und schon weisst, dass gegen Ende des Buches noch weitere philosophische Gedanken dazu kommen, kannst Du Dich voll und ganz darauf einlassen.

Rückblickend fanden zudem alle Erzählstränge irgendwo zusammen und das Buch wirkt sehr rund auf mich. Dies war übrigens auch der Grund, weshalb ich trotz der anfänglichen Konfusion dran blieb: Die Autorin verfügt über einen wunderschönen, poetischen und gleichzeitig eindringlichen Schreibstil, der den Leser sehr schnell gefangen nimmt.

Wie soll man einem solchen Zuhörer die Wahrheit näherbringen? Wenn er nur eine Art von Gefahr akzeptiert, es aber Hunderte andere gibt? Wenn er kein Mitgefühl für die tägliche Bedrohung durch unkontrollierte Gewalt aufbringt? Wenn die Soldaten, die es womöglich gar nicht auf dich abgesehen hatten, dennoch deine psychische Gesundheit zerstört haben? Wie kann man seine eigene Geschichte an die „richtige“ Wahrheit anpassen? Wenn dein Zuhörer bereits viel grössere Lügen in sein Weltbild integriert hat, dann besteht die einzige Möglichkeit darin, ihm die Wahrheit unbemerkt unterzuschieben, wie man einem Kind Medizin ins Essen rührt.

Aus „Der undankbare Flüchtling“

Mir gefiel an „Der undankbare Flüchtling“ vor allem die Wirkung, die das Buch auf mich hatte. Es befasst sich mit einer sehr aktuellen Thematik und schafft es dabei, nicht anklagend mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Statt dessen wirft es immer wieder neue Fragen auf. Sobald Du das Gefühl hast, es gibt eine Lösung, so entstehen schon wieder die nächsten Fragezeichen im Kopf.

Ich war so müde. „Ich glaube, Opportunismus ist nicht das passende Wort“, sagte ich. „Aus elenden Lebensumständen zu fliehen ist immer noch eine Flucht. Sie kommen nicht hierher, um Schneeballsysteme aufzubauen.“

Aus „Der undankbare Flüchtling“

Dabei geht es nicht nur um die Flucht und die Bedingungen in den darauf folgenden Camps, Flüchtlingslager und die Schwierigkeiten bei den Asylgesuchen, sondern auch um weitergehende Themen wie die Integration oder die Assimilation. Indem die Autorin ihre eigenen Gedanken schonungslos ehrlich einfliessen lässt, schafft sie es, eine grosse Nähe aufzubauen. Eine Nähe die mitreisst, aufrüttelt und auch verletzt.

Fazit

Niemand will sich verändern. Und dennoch kann niemand es vermeiden – wir verändern uns mit jedem Atemzug. Andere verändern uns durch ihre Liebe, ihre Freundlichkeit und auch durch ihre Gleichgültigkeit. Wir verändern uns, je nachdem, ob wir wahrgenommen werden oder nicht. Wir sehnen uns danach, den anderen unser wahres Gesicht zu zeigen. Den Menschen, die gelitten haben, fällt es schwerer. Bei dem Versuch, mit anderen in Kontakt zu treten, ohne Schaden zu nehmen, benehmen sie sich ungeschickt, sie sind nervös, misstrauisch, manchmal verletzend.

Aus „Der undankbare Flüchtling“

Ich kann das Buch trotz meiner Anfangsschwierigkeiten wirklich jedem ans Herz legen. Die Thematik ist unglaublich aktuell und geht uns alle etwas an. Dina Nayeri gibt dem Begriff „Flüchtling“ ein Gesicht und damit auch Menschlichkeit.

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. Fotos von mir selbst.

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