BücherRomane

Belletristik: Ich denk, ich denk zu viel

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (Rezensionsexemplar erhalten) und Links Mehr dazu hier.

Manche Bücher faszinieren mich schon, sobald ich sie in den Händen halte. In diesem Fall kann ich schamlos zugeben, dass mich bei Ich denk, ich denk zu viel von Nina Kunz die äusseren Werte gleich zu Beginn überzeugt haben. Das Buch begeistert mit einer angenehmen Haptik, einem Leseband und wunderbar glänzenden Details – in violett. Was will man mehr? Genau – ein packender Inhalt wäre auch ganz nett. Heute möchte ich Dir schildern, warum bei diesem Buch sowohl das Innen als auch das Aussen richtig gelungen sind.

Der Inhalt (gemäss Klappentext)

Was sollen diese ewigen Gedankenschlaufen? Was haben schlaflose Nächte auf Instagram zu bedeuten? Und wie kann Jean-Paul Sartre bei Panikattacken helfen? Persönlich und präzise schreibt Nina Kunz – Schweizer Kolumnistin des Jahres 2020 – über das Unbehagen der Gegenwart und geht der Frage nach, warum sich ihr Leben, trotz aller Privilegien, oft so beklemmend anfühlt. Ein Buch über Leistungsdruck, Workism, Weltschmerz, Tattoos, glühende Smartphones, schmelzende Polkappen und das Patriarchat.

Meine Meinung

Kurz zusammengefasst: Ich habe dieses Buch geliebt! Aber als ich vor einigen Wochen einem Freund versucht habe, die Gründe dafür zu erläutern, wurde es schwierig:

„Ja – das ist so eine Autorin, die schreibt einfach darüber was sie denkt. Nein, es hat keinen Zusammenhang – mehr wie Essays. Nein, es hat keinen roten Faden. Äh – auch nicht wirklich einen Sinn.“

Diese Absurdität lässt mich immer wieder verzweifeln. Ich denke: Warum soll ich mich überhaupt bemühen, wenn eh bald alles vorbei ist? Und dann überrollt mich eine Existenzkrise, in der eigentlich nur noch Atemübungen und Jean-Paul Sartre helfen.

Aus „Ich denk, ich denk zu viel.“

Kein Wunder, dass er nicht nachvollziehen konnte, was genau an diesem Buch so toll war. Ich habe mir daher vorgenommen, es bei dieser Rezension besser zu machen und Dich von meiner Begeisterung kosten zu lassen.

Das Denken hat etwas Poetisches, weil es ein wenig ist, wie wenn man vor einem Kunstwerk steht und ständig neue Details entdeckt. Müsste ich wählen, würde ich alles andere eher hergeben als dieses Denken.

Aus: „Ich denk, ich denk zu viel“

Nach langer Überlegung kam ich zum Schluss, dass es am Besten ist, wenn ich Nina Kunz selbst zu Wort kommen lasse. Ihre Zitate sind zwar nur kleine Brocken aus dem grossen Ganzen – sie lassen Dich jedoch einen Hauch von ihrem Schreibstil erahnen – ein Gefühl für das grosse Ganze, welches ich so ungenügend in Worte fassen konnte. Daher folgt heute eine Rezension mit untypisch vielen Zitaten, damit Du so richtig abtauchen kannst.

Das Gemeine am Weltschmerz ist, dass er so diffus ist. Er fühlt sich an wie ein Unbehagen ganz weit hinten im Hals, das wächst und wächst, aber nie richtig sichtbar wird. Es fühlt sich an wie ein Zucken in der Magengegend, wenn man die Nachrichten liest und sich die Frage stellt, wie es diese Welt da draussen geben kann, wenn man doch selbst diese unverschämte Normalität hat mit Deadlines, Pesto-Spaghetti und Abenden, an denen man heimlich Love is Blind guckt.

Aus „Ich denk, ich denk zu viel“

Schlussendlich handelt es sich bei diesem Buch nämlich tatsächlich einfach um kurze Kapitel zu aktuellen Themen – aufgeteilt in Sinnkrisen (wie Weltschmerz, Workism oder Normalität), Selbstzweifel (wie Cat Person, Bravo Girl oder Happychonder) und Sehnsüchte (wie Comfort Food, Herbst oder Genüge ich Dir).

Was mir an der Idee des Tattoos zudem gefällt, ist seine Radikalität. Vor allem in einer Zeit, in der alles flexibel ist. Besonders Beziehungen, Dates, Verabredungen. Heute heisst es immer: Mal schauen, vielleicht, ich schreib dir. Ein Tattoo ist ein Commitment. Das finde ich verblüffend.

Aus „Ich denk, ich denk zu viel“

Das besondere daran ist, dass die Autorin es schafft, Themen, welche wahrscheinlich jedem von uns schon einmal durch den Kopf gingen, in wunderbare Worte zu packen. Sie analysiert messerscharf und sorgte damit dafür, dass ich immer wieder zustimmend nicken musste. Und selbst wenn ich mit ihr nicht einer Meinung war, so fand ich ihre Gedankengänge doch immer äusserst faszinierend: „Ach soooo kann man das also sehen“.

Die sozialen Medien tragen dazu bei, dass ich mich fast nur noch mit dem Leistungsaspekt in mir identifiziere. Nicht mit dem verträumten Teil, der schräge Bücher von Chris Kraus, oder dem geselligen Teil, der gute Dinnerpartys mit schlechtem Essen mag. Mein Selbstwertgefühl ist konstituiert durch das Internet, und ich fürchte ständig: Was, wenn ich nicht mehr performe?

Aus „Ich denk, ich denk zu viel“

Dass die Autorin aus Zürich kommt und ungefähr mein Alter hat (ok, sie ist ein bisschen jünger) sorgte zudem dafür, dass die Themenbereiche brandaktuell sind. Ich kannte die Orte, welche sie erwähnte, das Lebensgefühl, das sie transportierte und die Anspielungen, welche sie einfliessen liess. Ich bin mir daher nicht sicher, ob jemand mit einem vollkommen anderen Hintergrund von den Texten ebenfalls so fasziniert gewesen wäre.

Wenn ich zum Beispiel lese, wie poetisch man eine Küche beschreiben kann, kommt mir meine eigene Küche plötzlich auch ganz magisch vor. Solange ich lese, ergibt mein Leben irgendwie Sinn.

Aus „Ich denk, ich denk zu viel“

Fazit

Inzwischen denke ich manchmal auch, dass die Poetin Rupi Kaur recht hatte, als sie schrieb: „Wenn du verlassen wurdest, frag dich nicht, ob du genug warst – womöglich warst du einfach derart genug, dass er nicht in der Lage war, dich zu tragen.“ (Oder natürlich auch „sie“ oder „they“.)

Aus „Ich denk, ich denk zu viel.“

Wenn Du klare Analysen magst, gerne einen Einblick in fremde Gedankenwelten haben möchtest oder einfach nur ein Buch mit einer wunderschönen Sprachwelt geniessen möchtest, kann ich Dir „Ich denk, ich denk zu viel“ von ganzem Herzen empfehlen – eine faszinierende Lektüre.

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. Fotos von mir selbst.

Dir hat der Artikel gefallen? Dann teile ihn mit Deinen Freunden:
Tags:

Ich freue mich sehr über Deine Rückmeldung. Bitte beachte dazu die Hinweise zum Datenschutz unter "Impressum und Datenschutz".

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.