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Belletristik: Monster

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (Rezensionsexemplar erhalten) und Links Mehr dazu hier.

Bei vielen Büchern fieberst Du mehr oder weniger bewusst auf das Ende hin. Du möchtest unbedingt wissen, ob der Held überlebt, die Protagonistin mit ihrem Geliebten zusammenfindet oder das Gute gewinnt. Bei Monster von Yishai Sarid ist das nicht so. Wenn Du den Klappentext liest, kennst Du das Ende nämlich schon. Spannend ist hingegen, wie es zu diesem Ende kommen konnte.

Der Inhalt (gemäss Klappentext)

Am Ende dieser Geschichte steht eine Eskalation: Ein israelischer Tourguide streckt im Konzentrationslager von Treblinka einen deutschen Dokumentarfilmer mit einem Faustschlag nieder. Wie kam es dazu? In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef schildert der Mann, wie er jahrelang Schulklassen, Soldaten und Touristen durch NS-Gedenkstätten geführt hat und wie unterschiedlich diese mit der Erinnerung an den Holocaust umgehen. Nach und nach zeigt sich, dass seine Arbeit nicht spurlos an dem jungen Familienvater vorübergeht – die Grauen der Geschichte entwickeln einen Sog, gegen den keine akademische Distanz ankommt.

Meine Meinung

Puh – dieses Buch ist definitiv keine leichte Kost. Ich muss gestehen, dass ich mir danach jemanden zum Reden gewünscht hätte, der es auch gelesen hat. Mit dem ich darüber diskutieren könnte und mich fragen, was das gerade war.

Aber von Anfang an: Der Protagonist berichtet seinem Direktor, wie es zu der Eskalation am Ende des Buches kommen konnte. Dabei bleibt er selbst die ganze Zeit relativ im Hintergrund. Du erfährst zwar oft, was er denkt oder wie er fühlt, ansonsten aber nicht allzu vieles, er ist eher ein stummer Beobachter.

Ihre Lehrer bitten mich händeringend, die Situation zu retten, und ich eile zu Hilfe, obwohl das nicht meine Aufgabe ist, rede mit den Rabauken, weiss mit ihnen umzugehen, vereinbare mit dem Empfangschef eine akzeptable Entschädigung, beruhige die aufgebrachten Lehrer. Ein schwaches Signal in meinem Gehirn sagt mir, dass diese Rowdys fähig sind zu morden, mit Befehlen jedoch schwerer zurechtkommen, sie wissen sie auch zu verweigern, zu umgehen, Wodkaflaschen ins Zimmer zu schmuggeln, mitten in der Nacht Krach zu machen, aber vielleicht würden sie dafür im entscheidenden Moment – trotz entsprechender Befehle – auch nicht ihren Nachbarn denunzieren, was die braven Kinder sofort tun würden, weil bei ihnen Gesetz nun mal Gesetz ist.

Aus „Monster“

Apropos Fühlen: Das ist gerade zu Beginn eine der Hauptschwierigkeiten unseres Protagonisten. Er hält die Touren zu sachlich, bringt zu wenige Emotionen hinein und wird daher auch immer wieder einmal kritisiert. Gerade diese neutrale Haltung (und das fehlende Mitleid) ermöglichen ihm einen kritischen Blick auf das ganze Drumherum. Gleichzeitig sorgt dies schon zu Beginn für ein unangenehmes Gefühl.

Der Autor verpackt dabei kritische Gedanken und Tabus geschickt als Ideen „der anderen“. So lauscht man den Schulkindern und erfährt, wie sie wirklich über den Holocaust denken. Manchmal schildert der Tourguide auch seine eigenen Gedanken, nur um diese dann direkt wieder als zu extrem zu bezeichnen und etwas abzuschwächen. Unheimlich fand ich dabei, dass er dies so geschickt macht, dass man beinahe versucht ist, zustimmend zu nicken – bis man merkt, was da eigentlich gerade geschrieben wurde.

Ich lauschte auf ihre heimlichen Gespräche, hinter den grossen Ritualen, zwischen den Bussitzen, auf den Pfaden, am Esstisch. Dort gab es eine andere Agenda, andere Gedanken, die beinahe an die Oberfläche drangen, schon aus den Hirnlappen auf die Zungenspitze schlüpften, zwischen die Zähne, die die Silben im letzten Moment versprengten. Diese Aschkenasen, hörte ich mehrmals, diese Erzlinken haben es nicht hingekriegt, ihre Frauen und Kinder zu schützen, haben mit den Mördern kooperiert, sind keine echten Männer, können nicht zurückschlagen, sind ängstlich, weichlich, machen den Arabern Zugeständnisse.

Aus „Monster“

In Monster werden unglaublich viele schwierige Themen angedeutet. Da geht es um die Täter- und Opferrollen, um Aufarbeitung, um Trauer. Wie viel darf man von einer Tragödie profitieren? Wie viel Betroffenheit muss man zeigen? Wer war Täter, resp. wer ist noch immer Täter? Was „darf“ man als Autor überhaupt ansprechen? Und was muss man ansprechen?

Mir sind bei weitem nicht sämtliche Antworten auf diese Fragen bekannt. Aber das Buch hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht – was grundsätzlich ein sehr gutes Zeichen bei Büchern ist.

Über Treblinka schrieb ich, es sei eine Stäte zur Erstickung und Verbrennung von Menschenfleisch gewesen, ein Ort zur Vernichtung von Menschenmüll in riesigen Mengen, und strich das Geschrieben zugunsten einer gemässigteren Formulierung, denn ich wusste, es war zu grob, und ich wollte meine Arbeit und meinen Kunden nicht verlieren.

Aus „Monster“

Zu guter Letzt möchte ich noch ein paar Worte zum Schreibstil verlieren. Der Autor schafft es sehr gekonnt, eine unheilvolle und gleichzeitig packende Atmosphäre aufzubauen. Er deutet an, verwendet Metaphern, jongliert gekonnt mit den Worten und sorgt dabei für „Lesegenuss“ (Ich weiss gar nicht, ob das Wort in diesem Zusammenhang passt) – trotz des schwierigen Themas.

Und ich will nicht naiv tun, will nicht heucheln, ihr habt recht. Macht und Stärke. Zuschlagen, schiessen, den anderen vernichten. Denn ohne Stärke sind wir wie Vieh, wie Hühner, abhängig von der Gnade anderer, die uns jeden Moment spontan, von einer Minute auf die andere, köpfen, erdrosseln, entkleiden, entehren, in jeder nur denkbaren Weise misshandeln können, wobei es ihnen freisteht, einen Beleuchtungsmast aufzurichten, um uns zu filmen, wie wir zerrissen, zerschnitten, zerstochen, zerschmettert werden, dazu Musik im Hintergrund zu spielen, unser schreckliches Ende in ein Lustspiel zu verwandeln.

Aus „Monster“

Fazit

Wenn Du Dich vertieft mit dem Thema Holocaust und dessen Verarbeitung auseinandersetzen möchtest, führt kein Weg an diesem Buch vorbei. Ich empfehle Dir aber, genug Zeit einzuplanen – vor allem für die nachdenklichen Momente danach (oder währenddessen).

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. Fotos von mir selbst.

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