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Buchbesprechung: Die Siegergene

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (Rezensionsexemplar erhalten) und Links Mehr dazu hier.

Willst Du endlich wissen, warum Deine Laufkollegen selbst nach 20 km noch rennen, als hätten sie Zugriff auf einen unsichtbaren Energy-Drink-Lieferanten während es sich bei Dir schon nach 5 km so anfühlt, als würde jemand Steine in Deinen Rucksack (oder in den Laufgurt) packen?

Findest Du es seltsam, dass die Weltelite einer Sportart oft aus dem gleichen Land kommt und sich auch optisch kaum voneinander unterscheidet? Hast Du Dich manchmal schon gefragt, ob es vielleicht ein bestimmtes Gen gibt, das manche Menschen zu „Supermännern“ macht?

In Die Siegergene von David Epstein werden all diese Fragen – und natürlich noch zahlreiche mehr – beantwortet.

Der Inhalt

Die Liebe auf den ersten Blick wird in vielen Lieder besungen, in Gedichten gepriesen. Bei meinem Erstkontakt mit diesem Buch ging es allerdings eher weniger poetisch zu und her. Obwohl mich die Thematik brennend interessierte, vermochte es der Autor nicht, mich direkt von Anfang an in seinen Bann zu ziehen – erst als ich mich sorgfältig an ihn herangetastet hatte, wurde es besser. Aber dann hat es sich auf jeden Fall doppelt gelohnt.

Das lag einerseits daran, dass er gleich zu Beginn mit einigen Sportarten aufwartete, die mir persönlich nicht allzu bekannt waren. Daher verstand ich schon nur die Hälfte der Fachbegriffe und fühlte mich etwas verloren. Dieses Gefühl wurde durch die Menge an Daten und Fakten, mit denen der Leser beinahe erschlagen wird, nicht gerade verbessert.

Feldspieler (Spieler, die schlagen müssen) hatten eine bessere Sehstärke als Pitcher und Major-League-Spieler sahen besser als Minor-League-Spieler. Feldspieler der Oberliga hatten auf dem rechten Auge eine durchschnittliche Sehschärfe von 20/11 und auf dem linken Auge 20/12. Beim Messen der feinen Tiefenwahrnehmung erzielten 58 Prozent der Baseballspieler die Note superior, die nur 19 Prozent der Normalbevölkerung erhalten.

Aus „Die Siegergene“

Dabei sind gerade diese ganzen Zahlen eine der grossen Stärken in diesem Buch. Der Autor spekuliert nicht einfach nur, sondern untermauert seine Theorien mit harten Fakten. Ob er jeden einzelnen Vergleich in dieser Tiefe hätte aufführen müssen, bleibt dahingestellt. Für den interessierten Leser ist es jedoch sicherlich spannend, genaue Zahlen zu haben – oder diese bei Bedarf nachschlagen zu können.

Der zweite Grund, warum der Autor und ich erst einmal nicht so ganz harmonierten (einseitig – er kennt mich ja nicht), war der Tonfall im Kapitel über Frauen und Sport. So liess er das folgende Zitat z.B. relativ unkommentiert stehen. Nicht sehr motivierend für die weibliche Bevölkerung und für den Text auch nicht notwendig.

Der Grund, warum wir Frauen im Sport getrennt antreten lassen, ist, dass die besten Sportlerinnen nicht mit den besten Sportlern mithalten können. Und das weiss jeder, aber niemand sagt es. Der Frauensport ist aus allen möglichen – wie ich finde, guten – Gründen wie eine Klasse von Behinderten aufgebaut.

Aus „Die Siegergene“

Dabei war die Thematik dahinter hochspannend: Wie definiert man überhaupt, wer eine Frau und wer ein Mann ist und wer darf daher in welcher Kategorie starten?

Grundsätzlich ging es in diesem Buch darum, dass ja vielerorts die Theorie mit den 10’000 Stunden gelehrt wird. Falls Du bisher davon noch nichts gehört hast: Man geht davon aus, dass man etwas 10’000 Stunden lang üben muss, bis man richtig gut darin ist.

Interessanterweise gibt es jedoch gerade im Sportbereich zahlreiche Beispiele von sogenannten „Wunderkindern“ – oder besser gesagt „Wundermenschen“. So hatten manche kaum Training und gewannen dennoch nach weniger als einem Jahr olympisches Gold, manche begannen erst ganz spät mit dem Sport und manche wechselten die Sportarten mehrmals. David Epstein untersuchte, ob es evt. bestimmte Gene gibt, die Spitzensportler so erfolgreich machen.

Das Verhältnis von Armspanne zu Körpergrösse beträgt bei NBA-Spielern durchschnittlich 1.063. (Aus medizinischer Sicht gehört ein Verhältnis von mehr als 1.05 zu den üblichen Anzeichen für das Marfan-Syndrom, eine Bindegewebsstörung, die zur Verlängerung der Gliedmassen führt.)

Aus „Die Siegergene“

Ich glaube, ich spoilere nicht allzu stark, wenn ich Dir bereits jetzt verrate, dass es diese gibt – und zwar nicht nur einige wenige, sondern zahlreiche. Manche verursachen eine bessere Ausdauer, andere bestimmte Körperformen oder ungebremstes Muskelwachstum. Sehr viele Spitzensportler weisen eine oder mehrere dieser „Sportlergene“ auf. Auch wenn manchmal die Ausführungen an sich etwas zäh waren, waren die Inhalte doch unglaublich packend – viele „Wundersportler“ wirken vor diesem Hintergrund gar nicht mehr so sehr wie aus einer fremden Welt.

Aber auch wenn uns die Genforschung und die neueste Physiologie immer mehr über unsere sportlichen Vor- und Nachteile verraten, gibt es auf absehbare Zeit eine bessere Quelle für ganzheitliches Wissen: Wer ein Trainingsprogramm nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum durchführt und die eigenen physischen und mentalen Fortschritte protokolliert, verschafft sich persönliche Forschungsergebnisse, die jedem zur Verführung stehen, und die ihresgleichen suchen. Es ist nie zu spät zum sportlichen Datensammeln.

Aus „Die Siegergene“

Wenn Dich Zahlen und Daten nicht abschrecken sondern sogar begeistern, kann ich Dir das Buch auf jeden Fall empfehlen. Die Einsichten sind äusserst spannend, lehrreich und eignen sich auch gut als Small Talk Thema bei der nächsten (erlaubten) Party.

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an den Redline Verlag für das Rezensionsexemplar. Fotos von mir selbst.

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