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Die Buchwoche: Mit Tieren leben

Dieser Beitrag enthält eine Rezension (Rezensionsexemplar erhalten) und Links Mehr dazu hier.

Fast jeder unter uns würde behaupten, dass er Tiere mag – manche gehen sogar so weit, sie zu lieben. Im Buch Mit Tieren leben beleuchtet Henry Mance unser Verhältnis zu Tieren von verschiedenen Seiten und stellt dabei durchaus auch kritische Fragen.

Der Inhalt

Dieses Buch ist in zwei grosse Kapitel aufgeteilt: Einerseits geht es darum, wie wir Tiere töten und andererseits wie wir sie lieben. Dies klingt nach sehr krassen Gegensätzen – und ist schlussendlich auch genau das.

Ich gebe es zu – nach den ersten Seiten war ich durchaus versucht, das Buch wegzulegen. Es las sich für mich wie jedes x-beliebige Buch für angehende Veganer. Da wird zuerst in aller Deutlichkeit beschrieben, wie die Tiere auf den Schlachthöfen leiden, um den Lesern das Gefühl zu geben, ein richtig schlechter Mensch zu sein, wenn er Fleisch isst – um anschliessend eine vegetarische oder vegane Lebensweise zu propagieren.

Ich habe grundsätzlich noch nie verstanden, warum so viele Leute versuchen, jemanden zu etwas zu bringen, indem man dem anderen ein möglichst schlechtes Gefühl vermittelt (oder ihn blöd dastehen lässt). Nach dem Motto „Du bist ein xyz (beliebiges Schimpfwort einfügen), mach das.“ Das funktioniert so gut wie nie.

Immerhin hatte der Autor eine ausgesprochen humorvolle Schreibweise, was mich dann doch bei der Stange hielt.

Aber versuchen Sie mal zu erklären, warum es in Ordnung ist, Schweine und Kühe zu verspeisen anstatt Wale und Hunde und Sie verirren sich in einem philosophischen Kaninchenbau – wie der Auftragskiller in Quentin Tarantinos Pulp Fiction, der argumentiert, ein Hund könne kein schmutziges Tier sein, da er „Persönlichkeit“ besitzt. Schweine haben auch Persönlichkeit. Warum ist es dann in Ordnung, 1.5 Milliarden Schweine im Jahr umzubringen, aber ein Frevel, einen Hund zu schlachten?

Aus „Mit Tieren leben“

Ich fand es zudem richtig spannend, dass er selbst für dieses Buch alles mögliche ausprobiert hat: Von der Arbeit auf dem Schlachthof, der Jagd, der Fischerei, einer Hundeparty bis hin zu Besuchen auf Bio-Bauernhöfen. So konnte er die Kapitel jeweils äusserst anschaulich aufbauen und zudem direkt aus erster Hand erzählen.

„Warum essen Sie kein Fleisch?“ Als ich vor einigen Jahren Vegetarier wurde, begann ich bald, diese Frage zu fürchten. Sie ging häufig mit abstruser Logik einher: Ein Mann in meinem Stammcafé fragte mich sogar, ob ich mich nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis weigern würde, meine Mitpassagiere aufzuessen. (Ich hätte ihn gerne gebissen.)

Aus „Mit Tieren leben“

Im Bereich „Tiere töten“ geht es nicht nur um Schlachthöfe, sondern ebenfalls um die Fischerei und die gezielte Jagd. Dabei beleuchte der Autor auch zahlreiche ethische Fragestellungen, wie z.B. ob es in Ordnung ist, ein Tier nur zum Zweck, es anschliessend zu essen, aufzuziehen. Auch sehr schwierige Themen, wie z.B. Tierversuche werden angesprochen.

Wieso können wir nicht gleichzeitig Twitter und Meeresschildkröten oder Hollywood und Nashornvögel mögen? Wir müssen die Uhr nicht zurückstellen auf eine Zeit, in der New York ein Sumpfgebiet und London ein Wald war, wir müssen nur ein besseres Gleichgewicht finden.

Aus „Mit Tieren leben“

Im zweiten Teil „Tiere lieben“ geht es um diejenigen Alltagssituationen, in welchen wir primär mit lebenden Tieren zu tun haben: z.B. Zoos, Haustiere aber auch die Zerstörung des Lebensraums der Tiere wird angesprochen. Oftmals verstrickt sich der Mensch dabei in ganz und gar unlogischen Schlussfolgerungen. Ich fand es äusserst spannend, diese einmal so klar aufgedeckt zu sehen. So ist man zwar bereit, für seine Haustiere eine teure Spezialchemotherapie zu bezahlen, fremden Menschen hilft man jedoch in einer Notlage nicht – und fremden Tieren erst recht nicht.

Insbesondere das letzte Kapitel „Gott spielen“ hat mich zum Nachdenken gebracht. Da wird aufgezeigt, wie der Mensch versucht, auf verschiedene Arten in das Ökosystem einzugreifen. Sei dies um bestimmte Tierarten aktiv auszurotten (Moskitos), andere wieder anzusiedeln und andere mittels Genmanipulationen seinen Wünschen anzupassen (z.B. indem alle Tiere Pflanzenfresser werden sollen).

Der „Animal Test“ hat mich dazu gebracht, kein industriell produziertes Fleisch mehr zu essen und keine Kleidung aus Tierprodukten zu tragen. Mir ist klar geworden, dass wir keine Fischzucht betreiben und weniger Fische aus den Meeren entnehmen sollten. Aber es kann Situationen geben, in denen es gerechtfertigt ist, ein Tier zu töten – und dazu kann auch die Jagd gehören.

Aus „Mit Tieren leben“

Manche dieser Ausblicke waren schon etwas gruselig – und zeigen wieder auf, wie wenig wir eigentlich wissen. Vielleicht haben wir aktuell durchaus das Gefühl, dass eine Tierart ohne Verluste ausgerottet werden könnte – welche Auswirkungen dies auf das Ökosystem hat, können wir jedoch nur sehr schlecht abschätzen.

Abschliessend werden auf ganz wenigen Seiten einige Ratschläge, für einen besseren Umgang mit Tieren aufgezeigt. Hier hätte ich mir durchaus mehr gewünscht – die Lektüre ist ja doch ziemlich happig und man würde gerne mehr tun, um die Welt zu einem besseren Platz zu machen.

Ich halte die grüne Rute auf Höhe meines Ohrs, wie ein Handy, und dann werfe ich sie auf gut Glück aus. Ich trage eine Schutzbrille, nur für den Fall, dass ich es fertigbringen sollte, mich selbst zu treffen. Der Haken landet wieder nur einige Meter entfernt im Wasser. Ein Lexikon könnte ich weiter werfen, und es wäre vermutlich eine grössere Gefahr für die Fische.

Aus „Mit Tieren leben“

Wenn Du mit klaren Schilderungen von grausamen Misshandlungen von Tieren keine Probleme hast, kann ich Dir das Buch empfehlen – ansonsten würde ich die ersten Kapitel grosszügig überspringen. Die richtig spannenden ethischen Fragestellungen tauchten meiner Meinung nach eher ab dem zweiten Teil des Buches auf – und lohnen sich dann tatsächlich so richtig.

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag für das Rezensionsexemplar. Fotos von mir selbst.

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