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Die Froschweihnacht – eine ungewöhnliche Weihnachtsgeschichte

Dieser Beitrag enthält einen Gastbeitrag und Links Mehr dazu hier.

Manchmal hörst Du eine Geschichte, die Dich gleichzeitig zum Schmunzeln bringt und ein klein wenig nachdenklich macht. Eine Geschichte, die Saiten tief in Dir zum Schwingen bringt und Dich mit einem Lächeln auf dem Gesicht zurück lässt.

Genau so einer Geschichte durfte ich dieses Jahr am 24. Dezember lauschen. Da ich davon so begeistert war, hat mir der Autor, Lukas Röthlisberger, erlaubt, diese hier mit Dir zu teilen. Er schreibt nicht nur, sondern gestaltet auch ganz wunderbare Kunstwerke (wie z.B. das Titelbild), welche Du entweder in seiner Galerie oder ein paar wenige davon in seinem Etsy Shop erwerben kannst. Aber genug der Einleitung – lass uns mit der Geschichte beginnen:

Die Froschweihnacht

«Mammaaa, lasst uns doch HEUT IST EIN FEST BEI DEN FRÖSCHEN AM SEE singen, bitteee»-

Die Mutter blickt ihren Jüngsten mit breitem Maul gestresst an und schüttelt den Kopf: «Nein, heute ist doch Weihnachten, das passt nicht.»

«Mammaaa, dann lasst uns IHR KAULQUAPPEN KOMMET, SO KOMMET DOCH ALL singen»

Auf dem Grund des zugefrorenen Naturschutzweihers ist was los, genau wie in so mancher guten Stube bei den Menschen. Die Grossfamilie Teichfrosch hat sich unter der dicken Eisschicht versammelt und es herrscht wie überall eine aufgeregte Heilig-Abend-Stimmung. Nein, nicht wirklich Einigkeit, aber doch eine Mischung aus Spannung, Vorfreude und Neugier. Und es sieht wunderschön aus: die mit Kugeln und Kerzen reich geschmückte Unterwasserpflanze Teichblatt; die vielen glitzrigen Frösche, die darum herum sitzen; der alte Onkel Tom, der sich eine Unterwasser-Zigarre angesteckt hat und dann all die vielen Kaulquappen, die schon in der Nähe der bunten Päckchen herumwuseln, all die Päckchen die mit Algen verziert zwischen Wasserschnecken und Kieselsteinen im Schlamm drapiert warten.

«Mammaaa, was ist eigentlich Weihnachten?» Nun übernimmt Vater Frosch die Antwort. «Vor vielen Tausend Jahren kam ein Gott auf unsere Welt, es ist der Erlöser der Menschen, aber er hat auch die ganze Natur von ihrem Seufzen erlöst, er möchte, dass auch wir Frösche glücklich sind. Seinen Geburtstag feiern wir. Er ist der gute Hirte und wir sind die Schafe. Er schaut für uns.»

«Ich wäre auch lieber ein Schaf als eine Kaulquappe» quakt Max. Max ist eine Kaulquappe, die bereits Beinchen hat. Deshalb halten ihn die anderen Kaulquappen schon für einen Frosch. Aber er hat immer noch ein Schwänzchen, deshalb halten ihn die erwachsenen Frösche noch für eine Kaulquappe.

Der Vater guckt den Teenager Max erstaunt an. «Warum wärst du denn lieber ein Schaf?»

«Ach, die Schafe brauchen keine Angst zu haben vor dem Storch.»

Einen Moment herrscht entsetzte Stille. Ja, der Storch. Das Reizthema. Das grosse Problem aller Frösche. Das Thema, über das man besonders an Weihnachten besser nicht spricht.

Alle wissen, der Storch kommt von Afrika. Eine Art Asylant also. Und er bedroht hier uns Frösche. Aber niemand sagt etwas. Keiner weiss es ganz genau. Und im Herbst gehen ja die ganzen Störche angeblich wieder heim. Dann ist die Not in Afrika vielleicht vorbei. Aber auch das ist nicht ganz klar und jeder hat was anderes gehört, denn im Frühjahr kommen sie ja alle wieder.

Nach einer Weile nimmt der alte Frosch die Zigarre aus dem Maul und brummt: «Vor fünfzig Jahren waren die Störche hier alle ausgestorben, es gab sie nur noch im Zoo. Ich weiss nicht, ob sie auch in Afrika ausgestorben waren. Aber jetzt ist wieder alles voll. Das ist nicht gut, gar nicht gut.»

Dann hört man jemand rufen: «Ich finde es blöd, dass diese Störche kommen. Unsere Vögel sind viel netter, die fressen keine Frösche, sondern nur Würmer und so.» Aber da kam sofort Einsprache von Monika, der ältesten Tochter: «Stimmt doch gar nicht, dieses Jahr wurde unsere Kaulquappen-Schule zweimal von den Stockenten überfallen und sie haben uns Scharenweise verschluckt, und ein Graureiher hat sogar den Direktor aufgepickt. Diese Vögel sind alle von hier»

Wieder ist es still, man hört nur ab und zu das Brutzeln des Weihnachtsessens, es wird Fliegengratin geben, mit Mückeneiern garniert und einen feinen Rotwein dazu. Froschmutter möchte das Gespräch wieder auf ein weihnachtlicheres Thema bringen, auf das Fest der Liebe und so, aber sie weiss nicht wie.

Auf einmal hört man ein Patschen. Die Frösche quaken vor Freude, sie kennen das Geräusch und wirklich: Im abendlich trüben Wasser taucht das Gesicht von Donald auf, dem Lederkarpfen. Es ist ein Freund der Teichfroschfamilie und die Kaulquappen flitzen ihm entgegen. Der schnurrbärtige dicke Fisch rückt seinen weissen Kapitänshut mit dem Anker drauf zurecht und ruft lachend: «Was ist denn hier für eine Grabesstimmung, habt ihr heute noch keine Weihnachten?».

Zögernd sagt Max (übrigens das Patenkind von Donald): «Doch, eigentlich schon. Aber es ist wegen dem Storch, wir haben uns etwas Sorgen gemacht und ein wenig diskutiert.».

Donald lacht herzlich, und wühlt mit den Flossen etwas Schlamm auf: «Was für ein Storch soll euch Angst machen, die sind doch alle in der Storchenstation, werden dort durchgefüttert und ihr seid sowieso durch das wundervolle Eis geschützt.»

«Ja schon,» antwortet Max «aber wir kamen darauf, weil wir Frösche und keine Schafe sind, oder genauer, weil wir das Fest der Geburt eines Gottes feiern, der uns damit getröstet hat, dass wir wie Schafe seien, und auch, weil wir nicht sicher waren, ob die Störche in Afrika sind.

Donald schüttelt sich vor Lachen, er hat ein heiteres Gemüt und ist zudem sehr klug. Sicher so klug wie zehn Frösche zusammen.

«Nein, ihr seid wirklich keine Schafe höchstens Schafsköpfe» – und er lachte über seinen Scherz, aber die Frösche fanden das Wortspiel nicht lustig. Donald begann erneut: « Spass beiseite, meine lieben Froschfreunde, jetzt hört mir mal alle zu. Ihr gehört zu den geschützten Tieren. Genau wie die Menschen, die sind auch geschützt. Das bedeutet, dass ihr wertvoll seid, genau wie die Menschen, dass ihr sauberes Wasser bekommen sollt und immer genug Fliegen. Die Menschen sind auch geschützt, sie sind auch wertvoll, sollen immer genug Wasser haben und genug Essen (nur Fliegen mögen sie nicht). Weil ihr Frösche geschützt seid, macht man für euch Tunnels unter den Strassen durch, und weil die Menschen geschützt sind, macht man für sie Brücken oben drüber.»

Die Frösche lauschten aufmerksam. Nun quaken sie leise miteinander. Ein Gott kam also auf die Erde. Und wir Frösche sind wichtig. Wir sind sogar geschützt, behütet und geborgen. Eigentlich grossartig. Und wir sollten nicht mehr Leiden. Aber was ist nun mit den Störchen?

As hätte Donald diese Frage schon geahnt, kommt er etwas näher, lässt einige Luftblasen blubbern und sagt «Ja, das betrifft die Störche auch. Störche sind auch geschützt. Sie sind auch wertvoll, genauso wie alle Menschen und alle Frösche.»

«Das ist aber schräg,» quakte jetzt Max dazwischen. «Geht das überhaupt? Es können doch nicht alle geschützt sein. Und schon gar nicht so gegensätzliche Parteien wie Frösche und Störche, richtige Feinde. Bist du den auch geschützt, Götti Donald?»

«Es gibt viele Dinge, die kann man drehen und wenden wie man will, man versteht sie nie richtig. Vielleicht erscheint Euch das komisch, weil ihr lauter Feinde und Gegensätze seht. Die Menschen nennen das Froschperspektive. Aber um die Merkwürdigkeiten komplett zu machen: ich muss euch  hier noch ein Geschenk abgeben. Es ist von den Störchen. Ich lese vor: Mit herzlichen Grüssen an alle Teichfrösche im Naturschutzweiher und recht frohe Weihnachten. Ich glaube das sind Leckereien aus der Storchenstation.»

Die Frösche gucken sich sehr skeptisch an, aber die Kaulquappen freuen sich offensichtlich riesig und machten sich schon über das Geschenk der Feinde her.

«Ja, und zu Deiner Frage ob wir Lederkarpfen auch geschützt sind … ich würde es mal so sagen, ja, wir Lederkarpfen sind auch geliebt und behütet, von diesem Gott, der vor 2000 Jahren auf die Erde kam. Aaaaber vielleicht hat es sich noch nicht überall herumgesprochen, was das bedeutet.»

Dieser Artikel erschien auf www.eigenerweg.com / Foto und Geschichte von Lukas Röthlisberger

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